Mut zur Flucht
Anfang November 1964 wurde ich gefragt, ob ich einem jungen Mann aus der DDR helfen würde nach West-Berlin zu kommen. Sigfried, so hieß der Fluchtwillige, der beim 1. Fluchtversuch erwischt wurde, im Gefängnis saß und jetzt Strafarbeit in einem Bergwerk verrichten musste.
Eine Kollegin, die wusste, dass ich aus Westdeutschland stamme und mit meinem westdeutschen Ausweis nach Ost-Berlin durfte (den Westberlinern war dies damals verwehrt), fragte mich, ob ich den Mut aufbrächte.
Ich stimmte zu, als ich wusste, wie die Flucht gelingen könnte…
Peter Fechter
Der Tod des 18jährigen Flüchtlings Peter Fechter am 17. August 1962, der am letzten Grenzhindernis von einer Kugel getroffen wurde, erschütterte die Welt. Bis endlich nach 50 Minuten das Bergungskommando eintraf, sammelten sich diesseits der Mauer Verzweifelte und Protestierende. Polizisten wagten es, auf die Mauer zu klettern und dem an der Mauer Liegenden blutstillende Verbandspäckchen zuzuwerfen. In dieser Nacht und in den folgenden zwei Jahren musste an jeder Wiederkehr des 13. August und des 17. August die Mauer von West-Berliner Polizei beschützt werden. Die Demonstrationszüge, die nachmittags aus allen Teilen West-Berlins mit Sprechchören „Die Mauer muss weg!“ kamen, hatten den Checkpoint Charlie zu ihrem Ziel. Schon an der Kochstraße musste die Straße durch gestaffelte Polizeiketten abgesperrt werden.
6 Fluchten
Harold E. Schwartz – geborgen 1937, Sohn eines amerikanischen Diplomaten, militärische Ausbildung im Nachrichtendienst. Von 1961 bis 1964 Stationierung in West-Berlin.
Von September bis November 1964 war Harold Schwartz mit 4 anderen Soldaten als Fluchthelfer tätig. Es gelang ihnen, bei 6 Fahrten über den Checkpoint Charlie 7 Flüchtlinge (Studenten der Humboldt Universität) im Kofferraum nach West-Berlin zu bringen. Als sie im Dezember 1964 aufflogen, wurde Harold Schwartz von einem Militärgericht verurteilt und musste West-Berlin sofort verlassen.
Der Österreicher
„Ich bin Österreicher“, sagte ein Mann außer Atem zu dem Grenzposten. „Ich habe eben ein Telegramm erhalten, meine Mutter in West-Berlin liegt im Sterben“. „Ich habe meinen Pass vergessen, was soll ich nur tun?“ Der Kontrolleur holte einen anderen herbei und geht dann selbst ins Kontrollhaus, um sich dort zu erkundigen. Dem neuen Kontrolleur und Bewacher erzählte der „Österreicher“ nun: „Ich habe das Telegramm bekommen. Meine sterbende Mutter ist in Ost-Berlin und ich habe meinen Pass vergessen. Glauben Sie, dass man mich durchlässt, ohne Pass?“ „Wahrscheinlich nicht“, sagt der Kontrolleur. „Ich wohne ganz in der Nähe, dann will ich lieber noch einmal zurück und meinen Pass holen“, sagte er und war in West-Berlin.

Tunnel
Zu den gelungenen Fluchten gehört die von drei jungen Leuten, alle unter zwanzig. Einer arbeitete in einem Grenzhaus einer Elektrizitätsgesellschaft, nur 50 Meter vom Übergang entfernt. Die zur Mauer gerichteten Räume waren plombiert, aber der Schlüssel zu den Türen hing in der Portierloge. Mit Hammer, Schaufel und Messer hatten sie in den Weihnachts- und Neujahrstagen 1971/72 einen Tunnel gebaut und Tagebuch geführt…

































