Verleihung der Dr. Rainer Hildebrandt Medaille 2018 - Ehrung durch Antonia Rados

14.12.2018

Sehr geehrte Damen und Herren,

Mein Vorredner und meine Vorrednerin haben eigentlich alles gesagt, was es zu sagen gibt. Daher bleibt mir nur mehr übrig, über das Thema zu reden, das nicht erwähnt wurde, das Berliner Wetter.

Mister Clay, you are lucky, normalerweise ist es hier im Dezember um vieles trüber, unangenehmer, grauer und vor allem kälter – damit sie sich das besser vorstellen können, es war Anfang Dezember – vor der Erderwärmung, die eben meteologische Überraschungen auch für Berlin bringt, in der deutschen Hauptstadt ungefähr so eisig wie die Stimmung in grossen Teilen der westlichen Welt.

In Europa hatten wir nur einen Hoffnungsträger, Emmanuel Macron und auch der hat im Moment eine schwere politische Verkühlung trotz des milden Wetters selbst in Frankreich. Auf der anderen Seite des Kanals, in GB, ist man sogar schon einen Schritt weiter in Richtung gesellschaftlichen Abgrund, den die britische Schriftstellerin Ali Smith als den folgenden Zustand beschrieb:
„Gott war tot, das zu allererst. Romantik war tot. Höflichkeit war tot. Poesie, der Roman, die Malerei all das war tot wie die gesamte Kunst. Theater und Kino waren tot. Das Buch war tot, der Modernismus, die Postmoderne, Realismus und Surrealismus…“ und so weiter. „Das Leben“, schreibt sie, „war nicht tot. Die Revolution war nicht tot. UND: der Hass war nicht tot.“

Entwarnung, dieses Zitat entspringt nur der Phantasie von Ali Smith. Es stammt aus einem ihrer Romane, den Smith aber, wie könnte es anders sein, „Winter“ nennt – ich weiss nicht, ob Brexit sie dazu inspirierte, aber wundern würde es mich nicht!

Diese dunkle Vision wird leider heute in Europa und Amerika von nicht wenigen real existierenden Menschen geteilt, oder haben sie nicht bei allem möglichsten Gesprächen, bei den unterschiedlichsten Zusammenkünfte dies gehört: In welcher Welt wir nur leben! Was für ein Chaos! Unsicherheit überall!

So schlimm war es noch nie !

Von vielen Politikern, Analytikern, und natürlich auch Journalisten wird diese verbale Apokalypse auf beiden Seiten des Atlantiks geteilt. Zum Glück gibt es jedoch Menschen wie die US- Historikerin Ann Applebaum. Im November 2017 schrieb die Expertin des kommunistischen Terrors, über den sie preisgekrönten Werke verfasste, es sei ein Trugschluss zu glauben, historische Trauma oder das Böse würden jemals verschwinden- so wie man nach dem Fall der Mauer doch vielerorts verkündet oder besser gehofft hatte. Applebaum erinnert uns daran, keine historische Lektion, ist jemals ganz gelernt. Alles und jeder kann jederzeit wiederauferstehen- selbst in der stabilsten Kultur oder Zivilisation! Sogar, meint Applebaum, in meinem eigenen Land, in den freien USA.

Ich glaube, sie denkt dabei die Wahl Donald Trump genau ein Jahr vor ihrem Artikel in der Washington Post. Trump ist nicht die einzige Figur, die laut Applebaum unerwartet die trügerische Ruhe des Westens stört. Der Politiker Björn Höcke von der AFD, schreibt, Applebaum, findet die ständige Erinnerung an der Holocaust nicht zeitgemäss! In China pilgerten 2016, 17 Millionen Chinesen zum Grabmal von Mao Tse Dung, verantwortlich zu den Tod von noch viel mehr Millionen. Applebaum spricht vom Wiederauferstehen alter, kommunistischen Methoden und Ideen durch Vladimir Putin.

Anstatt das man aus der Geschichte lernt, mein Applebaum, wird Geschichte von all denen einfach umgeschrieben. Man erfindet sie neu, um sie besser vergessen zu lassen. Es ist eben nie ganz vorbei!

Das Übel, das historische Traum, die starken Männer kommen nur wieder und wir leben daher keinesfalls in besonders gefährlichen Zeiten, sondern leider in ganz normalen Zeiten, in denen uns totalitäre Ideologien ihre Überlebenskraft demonstrieren. Sie üben selbstverständlich Anziehungskraft aus, damals wie heute. Jede Generation muss laut Applebaum daher immer wieder neu die Geschichte, nicht die umgeschriebene, sondern die richtige, neu lernen. Es bleibt niemanden erspart. Die Jugend muss alles frisch erfahren.

Mr. Clay, ich weiss nicht, ob Ihr Grossvater ihnen sehr viel erzählt hat über die Luftbrücke, aber wir sind alle froh, dass sie heute hier sind, weil das Museum, die Veranstaltungen, die Frau Hildebrandt mit Charme und noch mehr Durchsetzungskraft abhält, sind so unerlässlich wie die historische Geschichtsstunden, daher kommen alle immer so gerne zu ihr – und zwar egal, bei welchem Wetter.