Dr. Rainer Hildebrandt
Grußwort von Hans Dietrich Genscher
Ein Leben für die Freiheit
Um Dr. Rainer Hildebrandt und sein Werk zu verstehen, lohnt es sich in das neunzehnte Jahrhundert zurückzublicken, auf seine Großeltern und Eltern und sodann seinen Lebensweg Jahr für Jahr zu verfolgen. Der Pioniergeist der Eltern, des Kunsthistorikers Professor Dr. Hans Hildebrandt und der Malerin Lily Hildebrandt, prägte Dr. Rainer Hildebrandt. Die politische Arbeit bei seinem Lebensfreund, Prof. Dr. Albrecht Haushofer, dem in den letzten Tagen des nationalsozialistischen Terrorsystems noch ermordeten Widerstandskämpfer gegen Hitler, bestimmte Dr. Rainer Hildebrandts Weg nach dem Ende des zweiten Weltkrieges.
Durch die Freundschaft mit der Familie Theodor Heuss lernte er die Werte der Freien Demokratischen Partei Deutschlands kennen und wurde deren Mitglied.
Angesichts zunehmender politischer Verfolgung in der sowjetischen Besatzungszone nach dem Zweiten Weltkrieg gründete Dr. Rainer Hildebrandt in Westberlin die Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit und einen Suchdienst nach unbekannten Verschollenen in den sowjetischen NKWD-Lagern. Am Ende der fünfziger Jahre erhielt das Deutsche Rote Kreuz etwa 900.000 Namen dieser Menschen.
Dr. Rainer Hildebrandt hat Zeit seines Lebens auf Schicksale Verfolgter aufmerksam gemacht: auf Menschen, die sich mit dem Willen zu Freiheit und Gerechtigkeit gegen die Unterdrückung in der sowjetischen Besatzungszone und in der späteren DDR auflehnten, die die Flucht aus der DDR mit dem damit verbundenem Risiko für Leib und Leben wagten, die in der DDR selbst Opposition übten und sich der Verfolgung aussetzten.
Das Mauermuseum – Museum Haus am Checkpoint Charlie gründete Dr. Rainer Hildebrandt bereits 1962. Es steht am ehemaligen Grenzübergang Checkpoint Charlie und dokumentiert die Schicksale vieler Menschen, die sich mit der Flucht aus Ostdeutschland in den Westen verbinden. Es zeigt auch den weltweiten gewaltfreien Kampf für die Menschenrechte.
Das Lebenswerk von Dr. Rainer Hildebrandt ist eine ständige Mahnung, für alle die einzutreten, die der Verfolgung und der Verleugnung der elementaren Menschenrechte ausgesetzt sind – die bekannten und die unbekannten.

Biographie des Gründers des Mauermuseum Haus am Checkpoint Charlie Dr. Rainer Hildebrandt
1914 Am 14. Dezember wurde Rainer Hildebrandt in Stuttgart geboren.
Vater: Hans Hildebrandt, Kunsthistoriker TU Stuttgart (erste Monographien über Alexander Archipenko und Oskar Schlemmer; während NS-Zeit Verlust des Lehrstuhls, da die Mutter jüdischer Abstammung ist). Mutter: Lily Hildebrandt, Malerin (Meisterschülern bei Adolf Hölzel; Malverbot während der NS-Zeit wegen nichtarischer Abstammung). Kindheit und Jugend in Stuttgart.
1934 Abitur
April bis August 1934: Arbeitsdienst
1934-1935 Hochschulpraktikantenausbildung in den „Fortuna-Werken“, Bad Cannstatt.
1935-1936 Frühjahr bis Herbst: Arbeiten, teilweise bereits selbständig, im Laboratorium für angewandte Physik der Robert Bosch AG, Stuttgart.
1936 Erstes Semester (Sommersemester) an der Technischen Hochschule Stuttgart, Studium der Physik.
Übersiedlung nach Berlin
1936-1938 August bis Februar: Werkstudent bei Telefunken.
1938 Seit März Angestellter als Ingenieur bei Telefunken. Selbständiges Arbeiten, Anmeldung von Patenten für Telefunken sowie Anmeldung mehrerer Patente außerhalb seines Arbeitsgebiets. Abgang auf eigenen Wunsch September 1938
1939-1940 Anstellung in der Erfinderabteilung der Radio-Löwe AG Berlin.
Veröffentlichungen seit 1938: Zahlreiche Beiträge über Elektroakustik in den Fachzeitschriften „Funktechnische Monatshefte“, „Funk“, „Funkschau“.
1937-1939 Studium der Physik an der Technischen Hochschule Charlottenburg, dann an der Universität Berlin.
seit 1939 Ausdehnung des Universitätsstudiums auf Philosophie, Psychologie, Staatslehre, Volkswirtschaft. Bekanntschaft mit Albrecht Haushofer.
1942 Promotion an der Friedrich-Wilhelm-Universität Berlin über Arbeitspsychologie bei Prof. Rupp und Eduard Spranger, Nebenfächer Philosophie und Physik; Schüler und Freund von Albrecht Haushofer, für ihn auch Briefträger, Freundschaft zu Horst Heilmann, dem Adlatus von Harro Schulze-Boysen; Begegnung von Haushofer und Schulze-Boysen in Wohnung von Rainer Hildebrandt.
Vorarbeit für eine neue größere Veröffentlichung auf dem Gebiet der Staatslehre.
Sommer: Einberufung zur Wehrmacht, Ausbildung in Schneidemühl.
Ab Spätsommer 1942 bei einer Nachrichten-Dolmetscher-Abteilung in Meißen.
1943 Januar: Rückversetzung nach Schneidemühl, im Februar im Anschluss an eine Denunziation Flucht von der Truppe, verhaftet.
1944 Zum zweiten Mal verhaftet, erneut wegen „Zersetzung der Wehrkraft“ (insg. 17 Monate).
seit Kriegsende Publizistische Tätigkeit, zunächst über Walther Rathenau; 1946 Herausgabe der Moabiter Sonette von Albrecht Haushofer, 1948 erste Buchveröffentlichung „Wir sind die Letzten. Aus dem Leben des Widerstandskämpfers Albrecht Haushofer und seiner Freunde“.
1948 Gründung der „Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit“ (KgU), einer Organisation, die einen Suchdienst nach vermissten Gefangenen aufbaute, über NKWD· und DDR·Haf1 informierte, aber auch Widerstand gegen das Regime in der Sowjetischen Besatzungszone/DDR leistete.
1951 Fünfmonatige Reise mit 40 Vorträgen in den USA, insbesondere über Haftwesen und Justiz und Widerstand in der DDR.
1952 Austritt aus KgU, nachdem diese unter Ernst Tillichs Leitung Sabotageakte unternahm. Gründung des „Freiheitsbund für Deutsch-Russische Freundschaft“, Ehrenvorsitzender Ernst Reuter, Mitvorsitzender Alexander Truschnowitsch, der gewaltsam entführt und ermordet wurde.
Bis 1961 Vornehmlich publizistische Tätigkeit, Buchveröffentlichungen „Als die Fesseln fielen“ (Aufstand vom „17. Juni“), auch in den USA erschienen („The Explosion“) und auf Italienisch. Zahlreiche Artikel, u.a. in „Les temps modernes“, sowie laufend (1948 bis 1995) über menschenrechtliche Themen und speziell DDR im „Tagesspiegel“. Chefredakteur der Zeitschrift der Deutschen Liga für Menschenrechte. Forschungsaufträge für das Bundesministerium für Gesamtdeutsche Fragen.
1961 Dezember: Erste Pressekonferenz mit Flüchtlingen aus der DDR.
19.Oktober 1962 Eröffnung der Ausstellung „Es geschah an der Mauer“ in der Bernauer Straße, aufgebaut mit Unterstützung ehemaliger DDR-Häftlinge, Flüchtlingen und Studenten.
Juni 1963 Anmeldung des eingetragenen Vereins „Arbeitsgemeinschaft 13. August“; seitdem Geschäftsführender Vorsitzender dieses Vereins.
14. Juni 1963 Eröffnung des „Mauermuseum – Museum Haus am Checkpoint Charlie“; seitdem dessen Direktor.
1971 Integrierung der Ausstellung in der Bernauer Straße in das Haus am Checkpoint Charlie.
1973 Eröffnung des Ausstellungsteils „Maler interpretieren DIE MAUER“.
1976 Eröffnung des Ausstellungsteils „BERLIN- Von der Frontstadt zur Brücke Europas“.
1984 Eröffnung des Ausstellungsteils „VON GANDHI BIS WALESA- Gewaltfreier Kampf für Menschenrechte“.
1987 Einweihung des Erweiterungsbaus Friedrichstraße 43 (Erdgeschoß und erster Stock)
1989 98 Aufführungen des selbstverfassten Theaterstückes „R wie Rosa“ (Fluchthilfe mittels einer US-Uniform).
1990-1995 Konzeption und Organisation der Wanderausstellung „Ende der Berliner Mauer – Anfang des neuen Europa“ durch Osteuropa und Israel.
1991-1994 Konzeption und Organisation der Wanderausstellung „BREAKTHROUGH – The Fight for Freedom at the Berlin Wall“ durch die USA, gemeinsam mit dem Deutschen Historischen Museum.
1991 Initiierung und Beginn der Täter-Opfer-Gespräche zwischen ehemaligen Häftlingen und Angehörigen der Stasi.
1999 Einweihung des Erweiterungsbaus Friedrichstraße 45 (zweiter Stock).
2000 August Einweihung des originalgetreuen Nachbaus der ersten alliierten Kontrollbaracke in der Friedrichstraße.
9. Januar 2004 stirbt Rainer Hildebrandt mit 89 Jahren.
Auszeichnungen von Dr. Rainer Hildebrandt
1992 Verdienstorden des Landes Berlin
1994 Bundesverdienstkreuz
1998 lmre-Nagy-Plakette